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Erster Tag

Es war all die Tage sehr schönes Wetter. Am Donnerstag hatten wir noch am Strand gelegen. Aber in der Nacht vor dem Beginn unserer Wanderung war das Wetter umgeschlagen. Vom Bus aus sahen wir die Berge, durch die wir wandern wollten, in dunkle Wolken gehüllt. In La Esperanza angekommen, mussten wir uns zuerst wärmer anziehen. Dann ging es an einer mehr als verwitterten Karte vorbei in einen kleinen Wald, ein kurzes Stück, und dann auf eine Straße. Bergauf, bergauf, bergauf, so dass man gleich zu Beginn ordentlich ins Schnaufen kam. So waren die Lungen weit geöffnet, als wir,  oben angekommen, von einem bewegten Eukalyptuswald empfangen wurden.

Es geht dann über in den typischen Lorbeer- und Baumheidewald. Der Esperanza Wald liegt am Rande des Cumbre Dorsal. Der Cumbre Dorsal ist ein lang gestreckter 42 km langer und allmählich ansteigender Bergrücken, der von der Hochebene bei La Laguna bis hinauf zu den Cañadas und zum Teidemassiv reicht. Aussichtspunkte entlang der Strecke bieten eindrucksvolle Panoramablicke zur Nordküste oder zur Südküste Teneriffas. Besonders interessant ist der Blick über das Orotavatal bis hinüber nach Puerto de la Cruz. Diese Blicke blieben uns meist verwehrt. Das Wetter war ist kühl, leicht neblig, uns aber lieber als sengende Hitze. Immerhin hatten wir einiges an Gepäck zu tragen.

Einen Wegweiser missverstehend kamen wir von der Strecke ab, dann aber zu einem Rastplatz, wo eine gute Karte uns wieder zurück auf den rot/weiß markierten Weg der GR131 wies. Genau dort angekommen, war der Weg wegen Baumarbeiten gesperrt. Wir haben es ignoriert. Was sonst hätten wir machen sollen? Es gab keine Alternative. 

Eigentlich ist die Strecke gut ausgezeichnet. Aber an manchen Stellen kommen doch Zweifel auf, bis klar wird, wohin man zu gehen hat. So zum Beispiel nach dem Aussichtspunkt La Vica, wo es nach links auf einen kleinen Waldweg geht, später auf einen Forstweg. Von La Vica sollten es 3 Kilometer sein zu der Schutzhütte Siete Funtes. Für diese 3 Kilometer haben wir eine Stunde gebraucht. Wir wollten es nicht glauben. 

Dort nahmen wir uns Zeit für die Mittagspause. Immerhin hatten wir schon fast 11 Kilometer zurückgelegt. Der kleine Gaskocher wurde eingeweiht für den Kaffee und die vorbereiteten Brote schmeckten vorzüglich. 

Ab hier begann nun ein Zeit und Kräfte raubender Aufstieg. Für die nächsten knapp 5 Kilometer brauchten wir 2,5 Stunden, überwanden dabei aber 400 Höhenmeter. Dort oben angekommen waren wir müde, der Ort bot einen perfekten Platz für unser Zelt und obwohl es erst 16:15 Uhr war, entschieden wir, dort zu bleiben. 

Ich baute das Zelt auf, während Melanie nur auf und ab stapfte. Ihr war bitter kalt, anscheinend funktioniert ihre Durchblutung anders als meine und sie hatte schon Schmerzen an der Ferse. Zum Abendessen gab es heisses Wasser auf gefriergetrocknete Pasta Bolognese in der Tüte. Köstlich. Und noch ehe es richtig dunkel war. lagen wir, vollständig bekleidet, im Zelt, in unsere Schlafsäcke gehüllt.Melanie hatte saukalte Füße. Also 1 Socken, eine Schicht Alufolie und noch ein Socken. Das half. 

Mit der Dunkelheit kam ein Motorrad, dann Wind, der brachte Regen und endlich kam auch der Schlaf. 

Mit der Dunkelheit kam ein Motorrad...

Melanie:

Eiskalt 

Ich spüre meine Fingerspitzen nicht mehr, im Grunde die ganzen Finger nicht mehr. Eigentlich die gesamte Hand. 

Während Yürgen das Zelt in nassem Nebel und zunehmender Dunkelheit aufbaut, bin ich keine große Hilfe. Kann keine Knoten am Zelt lösen oder binden. Stapfe herum, da die Zehen das gleiche Schicksal erfahren wie die Finger. Hauche mit dem Atem die Finger warm. Nützt nichts. 

Ok. Ab wieviel Grad unterkühlt man, erfriert? Wieviel Grad sind es jetzt? 9 Grad? Wird es noch kälter? 

Der Schlafsack dient bis maximal 10 Grad. Es nieselt pausenlos, alles ist klamm und vernebelt. 

Wenn nur gleich das Zelt steht.  16 Uhr erst, es ist noch früh. Egal. Ab in den Schlafsack, ins Zelt, ins Warme. 

Gut. Besser. Yürgen legt sich hin und entspannt sich. 

Ich höre immer noch die Schüsse von weitem, wie früher am Tag schon. Jäger sind das nicht. Seltsam. Die Schüsse kommen ständig. Schießübungen? Sehr komisch. Es regnet, regnet permanent. Nun wird es langsam dunkel. 

Aus der Richtung aus der die Gewehrschüsse kamen, ertönt nun laute Musik. Wer ballert da den ganzen Tag wie wild herum und feiert jetzt eine Party? 

Mitten in Wald? Fernab von Zivilisation? Hhmm. 

Plötzlich kommen Motorengeräusche näher. Kommen die zu uns? 

Das kann doch nicht sein. 

Aber halt - sie kommen immer näher. 

Gedanken schwirren. Hier ist kein Mensch. Das ist unmöglich. Wir sind mitten im Wald, quasi im Nirvana. 

Ich erkenne, es ist ein Motorrad. Es rast heran und kommt näher. 

Es hält neben unserem Zelt. 

Schockstarre. Herz pumpt. Stille. 

Zu Yürgen gewandt, mit Angst geweiteten Augen. 

Er sagt nur, sei ganz still. 

Gedankenblitze. Wer ist das? Der Förster sicher nicht. 

Einer der Schiesswütigen? Schiessen sie jetzt auf uns? 

Sekunden vergehen. Das Motorrad fährt weg. 

Puls 180.

Yürgen entspannt sich wieder und schläft.

Meine Gedanken rasen, spielen verrückt. Habe ich zuviel TV gesehen mit Horrorszenarien? 

Die Kälte ist noch immer da. Ich wickele mir das Staniolpapier unserer Brotzeit um die Füße und ziehe mir ein zweites Paar Socken darüber. Langsam wird mir wärmer. 

Immer noch lauere ich auf jedes Geräusch. Kommen sie wieder? 

Saufen die Typen, feiern Party und beschließen in der Nacht Jagt auf lebende Beute zu machen? Der Regen tröpfelt auf das Zeltdach, ich muss Pipi, traue mich aber nicht raus. Es ist sowieso zu kalt dort draußen. 

Ob der Motorradfahrer wiederkommt? 

Holt er Verstärkung? 

Wieder Motorengeräusche, aber diesmal weiter entfernt. 

Plötzlich das Licht einer Taschenlampe. Sie kommen. 

Grell. Ganz deutlich wahrzunehmen. 

Erneute Schockstarre. Adrenalin. 

Griff nach links zu Yürgen. 

Dann stelle ich fest, dass er nur die Handybeleuchtung eingeschaltet hatte, um auf die Uhr zu sehen. 

Er dreht sich herum und schläft weiter. 

Das wird eine lange Nacht …